Ab wann bin ich eigentlich eine Rabenmutter?

Ab wann bin ich eigentlich eine Rabenmutter?

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade „Und täglich grüßt die Rabenmutter“ von Marianne Rott, der Mama- / Kindflüsterin von Mia Anima – Balance für Mutter & Kind
www.mia-anima.at

Als ich von der Blogparade „Und täglich grüßt die Rabenmutter“ gelesen habe, war ich sehr irritiert und neugierig zu gleich. Das man sich mit seinen Entscheidungen manchmal nicht wohl fühlt und in Gegenwart anderer sogar echt schlecht, das kenne ich von mir selbst nur all zu gut. Aber macht mich das gleich zu einer Rabenmutter? Sehr provokant! Das wollte ich genauer unter die Lupe nehmen. Gucken wir doch mal drunter...

Ich habe mich oft mies gefühlt

Zu oft, für eine junge Mutter, die voller Liebe ein Kind wachsen sehen wollte. Meine zwei Jungs haben oft zwischen uns geschlafen. Was musste ich mir anhören: „...das macht man nicht“, „...du verziehst ihn dir“, „...außerdem kann er ersticken“.

Ich war eine Stillmama. Ich wollte es so gern sein, denn es hat sich gut und entspannt angefühlt. Kommentare: „...der Kleine wird ja gar nicht richtig satt“ ... „und dann nur Wasser dazu...?“ – ich war am Ende so unsicher, dass ich mir eine Milchpumpe zulegte, um zu wissen, wieviel mein Sohn pro Mahlzeit trinkt.

Ach ja, das Thema schwimmen lernen: Mein Ältester war mutig und hat immer Taucher gespielt. Somit konnte er sich unter Wasser gut fortbewegen, aber nicht darüber. Ich meldete ihn zum Schwimmkurs an. Dort waren wir vier oder fünf Mal. Es war sehr voll. Überall wimmelte es von kleinen Kindern und aufgeregten Müttern. Entweder hantierten sie selbst an ihren Sprösslingen herum oder trieben sie verbal an. Das war für uns beide am Ende mehr Stress, als Vergnügen. Ich bemühte mich, ihn zu motivieren, da Schwimmen ja sehr wichtig ist und auch Freunde aus dem Kindergarten dorthin gingen, Aber als er dann unter Tränen meinte: „Jetzt will ich aber wirklich nicht mehr dort hin.“, war ich, ehrlich gesagt, nicht böse. Sicher, aus Sicht meines Kindes war ich keine Rabenmutter. Doch von aussen wurde ich natürlich als inkonsequent hingestellt. Und die fehlende Verantwortung meinem Kind gegenüber, hat mir doch etwas zu schaffen gemacht.

Und so ging es immer weiter – mit der Kleidung, beim Laufen lernen, beim Klettern.

Zweifel wurden schon sehr früh gestreut.

In der Schwangerschaft, dann zu Hause, in der Kita und später auch in der Schule. Jeder schien es besser zu wissen. Nein, nicht jeder, aber in bestimmten Situationen hatte ich genau diese Stimmen im Ohr. Ganz besonders schlimm fand ich im Kindergarten immer die Aussage „Er ist halt unser Träumer“. Klingt erstmal nicht schlimm. Aber ich hatte das Gefühl, sie haben ihn darauf reduziert.

In der Schule war das natürlich noch schlimmer. Hier waren mein Bauch und mein Verstand oft meilenweit auseinander. Das Thema Hausaufgaben und Üben, um nicht den Anschluss zu verlieren, war ein Graus für uns. Sowohl für meinen Jungen, als auch für mich. Die gesamte Schulzeit über gab es immer jemanden, der einen Vorschlag für Förderungen hatte. Und davor kamen die entsprechenden Tests. ADS, LRS, Wahrnehmungsstörung, Linkshändigkeit – wir haben uns mit vielem auseinandergesetzt. Es war eine sehr nervenaufreibende Zeit. Immer wieder haben wir uns gesammelt und überlegt, was wohl das Beste für das Kind ist.

Ich fühlte mich mehr und mehr wie eine Rabenmutter.

Sein Bemühen, welches für die Schule trotz allem nicht reichte und meine wachsende Sorge und Unsicherheit, ließen mich irgendwann stoppen. Wir ließen einfach mal alles sein und machten eine Pause. Ich würde heute sagen, wir haben losgelassen.

Plötzlich taten sich neue Möglichkeiten auf. Es wurde leichter für uns. Ich habe gelernt, andere Entscheidungen für mein Kind und mich zu treffen. Schön und gut, denn ab da wurden die Stimmen der „Experten“ wieder lauter.

Ich war wieder eine Rabenmutter. Doch damit komme ich mittlerweile besser zurecht. Wir wurde ordentlich durchgeschüttelt und vom Universum geprüft. Ich habe einiges seit dem auf den Kopf gestellt und mir Strategien angeeignet, um kein Rabenmutter-Gefühl mehr zu haben. Und meine Einstellung zur Schule und zum Bildungssystem haben sich auch drastisch geändert.

In solchen Fällen drücke ich auf die Stopp-Taste und friere die Situation ein

Ich überlege mir:

  • Was war?
  • Was ist gerade dran?
  • Wie fühlt es sich gut an?
  • Was brauche ich jetzt, um gute Entscheidungen zu treffen?

Je nachdem, wie schwierig oder groß die Sache ist, dauert der Prozess schonmal ein paar Tage. Es funktioniert aber auch wunderbar bei kleinen spontanen Entscheidungen. Kurzes Innehalten, tief durchatmet, kurz die Fragen abspulen und antworten oder handeln oder was auch immer gerade ansteht.

Ich habe für mich herausgefunden, wenn ich bewusst im Hier und Jetzt entscheide, handle oder reagiere, fühle ich mich nie mies oder als Rabenmutter. Handle ich jedoch unbewusst und spontan, kann das Gefühl schon mal wieder auftauchen.

Ausserdem gibt es einen Unterschied, ob ich mich wegen meines Verhaltens (z. B. der typische Brüller) gegenüber meinem Kind mies fühle oder ob ich mich über verbale oder nonverbale Äußerungen ärgere. 

Das miese Gefühl gegenüber meinem Kind ertrage ich, Dank Jesper Juul, der sagt:

„Es gibt keine guten und keine schlechten Eltern. Eltern sind Eltern. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Selbst die engagiertesten Eltern machen täglich 15 bis 20 schwerwiegende Fehler.“

Das andere Gefühl bearbeite ich, indem ich in Achtsamkeit zu leben lerne. Jeden Tag ein bisschen mehr und mehr. Für mich bedeutet das, mehr in meiner eigenen Balance zu sein, mein Vertrauen in mich zu stärken und dieses meinen Kindern zu schenken. Genau das schenke ich den Mama´s, die zu mir kommen. Ich stärke Ihr Vertrauen. Gemeinsam suchen wir familientaugliche Ideen. Ich ermächtige sie, auf ihre eigenes Gefühl zu hören. 

Urvertrauen, statt alte Glaubenssätze

Es gibt immer Menschen um uns, die sich Experten nennen oder die, wie wir glauben, mehr Erfahrung zu haben. Und auch die Gleichgesinnten, die scheinbar alle Erziehungsratgeber auf einmal gelesen haben. Und wenn die Kinder dann auch noch verglichen werden, braucht es tiefes Urvertrauen zu sich selbst und in sein Kind, innere Ruhe und Gelassenheit. Alles hat seine Zeit und innere Balance für Ideen und die passenden Entscheidungen. Doch all das steht uns nicht immer und täglich in gleichen Maßen zur Verfügung. Bei mir ist das jedenfalls so. Und bei den meisten anderen Mama´s auch, denn Schlafmangel oder Zeitdruck kennt jede – und dann auch noch ohne Mama-Führerschein.

Ist das nicht komisch, dass man in Deutschland für alles einen Schein, ein Zertifikat oder Abschluss braucht? Nur für so etwas Wichtiges, wie die Verantwortung für einen neuen kleinen Menschen zu übernehmen, nicht!? Ist auch nicht nötig! Denn die Natur hat alles so eingerichtet, dass wir es können. Wir Mama´s kriegen das hin! Weil es schon über 2000 Jahre so ist.

Können wir uns bitte mal auf dieses Urvertrauen zurückbesinnen? Und uns mal wieder die Zeit nehmen, auf unsere Intuition zu hören? Können wir bitte wertschätzender, aneinander interessiert miteinander umgehen? Dann würde sich in hundert Jahren vielleicht keiner mehr an die negative Interpretation der Rabenmutter erinnern.

Wer behauptet nun eigentlich, dass ich eine Rabenmutter bin? Und ab wann ich eine bin? So richtig gehört habe ich das, ehrlich gesagt, noch nie. Aber es ist definitiv in unserem Kopf, in unseren Gedanken fest verankert. Gelernt, gehört, nachgeahmt. Trotz der Veränderung der Gesellschaft, Ihrer Normen, Werte und Erziehungsstile, haben wir Mama´s uralte Glaubenssätze in uns verankert. Ob wir es wollen oder nicht, es ist da, das Gefühl eine Rabenmutter zu sein!

Was sagen die Vogelkundler?

An dieser Stelle frage ich mich gerade, ob Raben tatsächlich so schlechte Eltern sind, wie man es Ihnen nachsagt. Also schnell mal nachgegoogelt und siehe da: NEIN! Ganz im Gegenteil. Die Raben betreiben eine sehr intensive Brutpflege. Sie sind sogar sehr vorbildliche Eltern. Das trifft wohl auf sämtliche Rabenvögel-Arten zu. Und davon gibt es rund 100 verschiedene Arten weltweit.

Wieso dann aber dieser Ruf? Es findet sich wohl schon ein entsprechender Bezug in der Bibel „Wer bereitet den Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und fliegen irre, weil sie nicht zu essen haben?“ Vermutlich geht diese Bibelstelle auf die Beobachtung von jungen Raben zurück, die aus dem Nest gefallen sind. Die betroffenen Jungtiere wirken verlassenen und hilflos. Doch das ist garnicht der Fall: Dem Beobachter kann leicht entgehen, dass die Rabeneltern immer in der Nähe sind und das Jungtier weiter versorgen. (Quelle: www.wissenschaft.de)

Tja, was sagt man dazu? Da hat wohl mal ein Menschlein nicht genau hingesehen und lange genug beobachtet.

Ab wann bin ich also eine Rabenmutter?

Na immer - es kommt nur auf den Blickwinkel an!!! Wenn ich das nächste Mal das miese Gefühl habe, eine Rabenmutter zu sein, werde ich mit Sicherheit die Rabenfamilie mit ihrer besonders intensiven Brutpflege im Kopf haben und einen Jesper Juul, der mich anlächelt und mir auf die Schulter klopft. 

Mehr zu diesem Thema und Outings von „Rabenmüttern“ findest du hier:

Meine Vorgängerin ist die Blogparaden-Initiatorin Marianne Rott
mit ihrem Beitrag: „Warum es gut ist eine Rabenmutter zu sein“

Nachfolgerin ist Denisa Vadala von www.arsproanima.de

Eine wunderschöne Zeit mit Worten, die von Herzen kommen wünscht Dir - Katja